Gewicht möglichst stabil halten

Worauf es jetzt ankommt – Teil 3

Ist das Gewicht meines Kindes noch normal?

Das Wichtigste ist, dass Ihr Kind sein Körpergewicht, wenn möglich, stabil hält, selbst wenn es übergewichtig sein sollte. Ihr Kind braucht jetzt seine ganze Kraft! Während der Erkrankung und Therapie kann es durchaus vorkommen, dass das Gewicht Ihres Kindes schwankt, und Sie als Eltern fragen sich vielleicht: Woher weiß ich, dass das Gewicht meines Kindes noch im Normalbereich liegt? Im Klinikalltag kommen verschiedene Methoden in Kombination miteinander zum Einsatz, um den Gewichtsverlauf und den Ernährungszustand Ihres Kindes zu beurteilen, so z.B. das Körpergewicht, die Perzentilen, der BMI oder das Längensollgewicht. Das Längensollgewicht, bei dem die Größe (nicht das Alter) des Kindes in Zusammenhang mit dem Gewicht gebracht wird, ist bei Kindern am aussagekräftigsten für die Beurteilung der Gewichtsentwicklung.

Als Anhaltspunkt für eine einfache erste Einschätzung für Sie haben wir Ihnen hier einen Rechner integriert. 

An dieser Stelle einbauen: Rechner Längensollgewicht (Körpergewicht x 100 / Gewichtsmedian für Körperlänge. Fällt das LSG unter 90%, sollte interveniert werden.)

Warum ist ein stabiles Gewicht so wichtig?

Grundsätzlich gilt: Insgesamt spielen ungewollter Gewichtsverlust und Mangelernährung während einer Krebserkrankung bei Kindern viel seltener eine Rolle als bei Erwachsenen. Bei Leukämien und Lymphomen kommt Mangelernährung nur vereinzelt vor, bei soliden Tumoren etwas häufiger. Mangelernährung durch ungewollten Gewichtsverlust bedeutet, dass der Körper Ihres Kindes zu wenig Energie, Eiweiß und Nährstoffe erhält. Das ist schlecht, unabhängig vom Ausgangsgewicht, und gerade auch bei Kindern, die sich ja noch im Wachstum befinden, gefährlich. 

Daten aus der Forschung bei Erwachsenen zeigen: Die Folgen einer Mangelernährung können gravierend sein: Die Therapien wirken schlechter und müssen häufiger unter- oder abgebrochen werden; sie haben mehr Nebenwirkungen. Das Immunsystem wird zusätzlich geschwächt (oft ist dies durch die Therapie sowieso schon der Fall), wodurch die Patienten anfälliger für Infekte werden und Wunden schlechter heilen. Der Muskelabbau schwächt den Körper zusätzlich.

 

Studien bei Erwachsenen zeigen, dass Gewichtsverlust bei Krebs verschiedene Ursachen haben kann:

Höherer Energieverbrauch

Durch den Tumor selbst, krankheitsbedingte Entzündungen und Veränderungen im Stoffwechsel haben Menschen, die an Krebs erkrankt sind, meist einen höheren Energieverbrauch, gleichzeitig aber nicht mehr Hunger, sondern sogar eher weniger. 

Veränderter Stoffwechsel

Dadurch werden Muskel- und Fettmasse schneller abgebaut und der Aufbau von Muskelmasse ist erschwert. Der Körper verliert zudem häufig seine Fähigkeit, bei geringerer Energiezufuhr auf Sparflamme umzuschalten.

Es wird weniger gegessen

Die Krankheit selbst und die Therapien können bei Kindern zu einer Vielzahl von Beschwerden führen, die die Ernährung negativ beeinflussen, darunter Nebenwirkungen wie Übelkeit, Geschmacksveränderungen oder Appetitlosigkeit. Auch der Stress und die psychische Belastung können Ihrem Kind die Freude und Lust am Essen nehmen: Während der Therapie verbringen die Kinder oft sehr lange Aufenthalte im Krankenhaus. Die fremde Umgebung, das unbekannte Essen, das nicht immer schmeckt, die Nüchternphasen, in denen höchstens Flüssiges erlaubt ist – all dies kann dazu führen, dass Ihr Kind kaum noch etwas isst oder gar nicht mehr essen möchte. 

Hinweis (ev. ausklappbar): Scheuen Sie sich nicht, immer genau nachzufragen, bis wann Ihr Kind vor einer OP essen und trinken darf und was genau. Ev. heißt „klare Flüssigkeiten erlaubt“, dass Ihr Kind noch mit Zucker angereicherten Tee, klaren Apfelsaft o.ä. zu sich nehmen darf.

Hinzu kommt: Das Thema „Gesunde Ernährung bei Kindern“ kann auch schon unter normalen Umständen schwierig sein und das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Kind belasten. Nun kommt bei Ihnen als Eltern auch noch die Sorge hinzu, wie ihr krankes Kind gut ernährt werden und bei Kräften bleiben kann. Ihr Kind sieht das Essen womöglich als einzigen Bereich, über den es in dieser Situation noch selbst bestimmen kann und verweigert vielleicht sogar das Essen. Ganz wichtig: Machen Sie, auch wenn es schwierig ist, Ihrem Kind keinen Druck. Machen Sie keine Vorschriften oder versuchen Sie nicht, Ihr Kind zu einer bestimmten Ernährungsweise zu überreden oder Nahrungsmittel auszureden, weil diese ungesund sind. 

Hinweis: Ausnahmen sind natürlich bereits bestehende Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Wechselwirkungen mit Medikamenten oder Vorschriften im Krankenhaus.

Dies sind keine normalen Umstände, auch nicht, was das Essen betrifft! Hauptziel sollte sein, dass Ihr Kind auch und gerade während der Krebstherapie wieder Freude und Spaß am Essen bekommt, und dass es ausreichend Kalorien zu sich nimmt – egal worüber. Wie das gelingen kann, zeigen wir Ihnen in den folgenden Beiträgen / auf den folgenden Seiten. Sie sollen Ihnen ein Wegbegleiter durch diese schwere Zeit sein.

Radikale Ernährungsumstellung

Leider sind bewusst durchgeführte radikale Ernährungsumstellungen auch ein häufiger Grund für Gewichtsverlust. Das kann zum Beispiel die Vermeidung ganzer Lebensmittelgruppen sein (z.B. Kohlenhydrate) oder die einseitige Ernährung durch ein vermeintliches Wunder-Lebensmittel (z.B. nur noch grüne Säfte). Solche radikalen Ansätze machen es Ihrem Kind noch schwerer, ausreichend Energie und Nährstoffe aufzunehmen, und können außerdem zusätzliche Beschwerden auslösen. Die ganze Anstrengung lässt den Tumor zudem auch noch völlig unbeeindruckt: Er bedient sich wie ein ungebetener Mitbewohner immer zuerst – im Zweifelsfall an der Körpersubstanz.



Was können Sie als Eltern tun?

Die gute Nachricht ist, dass Ihr Kind diesen Gewichtsverlust nicht einfach so hinnehmen muss! Und auch Sie als Eltern können Ihr Kind dabei unterstützen:

 

Ein Gewichtstagebuch führen

So können Sie erkennen, wenn Ihr Kind ungewollt Gewicht verliert oder zunimmt. Wenn Ihr Kind im Krankenhaus ist, gehört das Wiegen sowieso zum täglichen Ablauf beim Besuch des Pflegepersonals. Notieren Sie sich das Gewicht dann einfach direkt – so behalten Sie die Übersicht. Wichtig: Tägliche Schwankungen des Gewichts sind absolut normal. Es kommt auf die grundsätzliche Tendenz an. Zeigt die Gewichtskurve stetig nach unten und verliert Ihr Kind zwischen 5 und 10% seines Ausgangsgewichts, so ist es sinnvoll, das Gespräch mit dem Behandlungsteam zu suchen und gemeinsam Unterstützungsmöglichkeiten zu überlegen. 

 

Ernährungstagebuch führen

Die genaue Dokumentation der Ernährung Ihres Kindes ist zwar etwas aufwendig, da auch alle Zwischenmahlzeiten, Snacks und Getränke dazuzählen. Sie kann aber sehr hilfreich sein, um langfristige Mängel zu identifizieren, oder ob eine Ergänzung mit Eiweiß oder Trinknahrung sinnvoll sein könnte.

 

Holen Sie sich Unterstützung, wenn es schwierig wird

Wenn Ihr Kind sein Gewicht nicht stabil halten kann oder es sehr unter Beschwerden leidet, holen Sie sich professionelle Unterstützung bzw. sprechen Sie dies im Krankenhaus unbedingt an! Ihr Arzt/Ihre Ärztin kann Ihrem Kind z.B. besonders kalorienreiche Zusatznahrung verschreiben bzw. diese direkt im Krankenhaus servieren, ein/e Diätassistent/in kann Ihnen und Ihrem Kind bei der Auswahl und Zusammenstellung des Essens helfen. Sollte es in Ihrem Krankenhaus keine Unterstützung durch eine/n Diätassistenten geben, können Sie sich gerne per E-Mail an uns wenden. In einigen Fällen kann es auch sinnvoll sein, die Ernährung über eine Magensonde (enterale Ernährung; einen kleinen Schlauch durch die Nase in den Magen oder direkt durch die Bauchdecke in den Magen) oder über einen Venenzugang (parenterale Ernährung) in Erwägung zu ziehen. Lassen Sie sich von dieser Vorstellung nicht abschrecken, es bedeutet auch nicht, dass Ihr Kind grundsätzlich nicht mehr in der Lage ist zu essen; es kann ggf. vielmehr eine zeitweise Entlastung für Ihr Kind bedeuten, die wichtigsten Nährstoffe sozusagen direkt “geliefert” zu bekommen, sollte das selbstständige Essen zu schwierig sein. (Genauere Informationen hierzu unter Punkt 6.)

 

 

 

Was kann Ihr Kind tun?

Kalorienreiche Lebensmittel essen und trinken

Normalerweise gilt: Nicht zuviel zucker- und fettreiche Speisen essen, weil sie zu Übergewicht und anderen Krankheiten führen können. Sollte Ihr Kind während der Therapie ungewollt abnehmen, so gilt jetzt genau das Gegenteil: Jede Kalorie ist wichtig! Dies ist tatsächlich ganz wörtlich zu verstehen. Denn nur so hat Ihr Kind die notwendige Energie und Muskelkraft, um gegen die Krankheit zu kämpfen. Ab sofort zählen also für Ihr Kind auch kalorienreiche Lebensmittel und Getränke zu den wertvollen Energielieferanten. (Ausführliche Informationen finden Sie im Kapitel „Beschwerden lindern“)

 

Essen, was es verträgt und aktuelle Beschwerden lindert

Im Krankheitsverlauf können bei Ihrem Kind immer wieder Beschwerden und Verdauungsprobleme auftauchen. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie Sie die Ernährung jeweils entsprechend anpassen können. Wichtig ist, was Ihrem Kind guttut. Und lassen Sie sich nicht verunsichern: Dies kann variieren und sich im Laufe der Therapie auch immer wieder verändern. Hier hilft Verschiedenes immer wieder anzubieten und auszuprobieren.

 

Lesen Sie hier, worauf Sie noch achten können:
Eiweiß essen
und
keine Angst vor Zucker
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